Professbuch: Äbte

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45. Nikolaus Imfeld von Sarnen
Nikolaus Imfeld von Sarnen (1734-73). Anton Sebastian Imfeld wurde den 25. April 1694 als Sohn des Johann Sebastian Imfeld und der Maria Ursula Imfeld in Sarnen geboren. In Einsiedeln legte er den 21. November 1714 als Fr. Nikolaus de Flüe seine Profeß ab. Den 14. Juli 1715 wurde er Subdiakon, den 22. Mai 1717 Diakon und den 25. Mai 1720 Priester. Seine Primiz feierte er den folgenden 2. Juni, ohne daß von seinen Angehörigen jemand dabei gewesen wäre. Auch nachher mußte er noch die theologischen Studien fortsetzen. Am 25. Oktober 1721 bestellte ihn Abt Thomas zum Katecheten für die Schulkinder. Schon am 28. April 1723 aber rückte er zum Philosophieprofessor vor. Später (wann ist nicht ersichtlich) wurde er Subprior des Stiftes, in welcher Stellung er verblieb bis zu seiner den 7. September 1734 erfolgten Wahl zum Abte. An der Wahl nahmen 54 Kapitularen teil, von denen 29 für ihn stimmten. Die päpstliche Bestätigung erfolgte den 15. Dezember 1734. Von Kaiser Karl VI. erlangte der neue Abt am 12. August 1735 die Regalien. Kaiser Franz I. verlieh sie den 24. Juli 1747, Josef II. den 3. Dezember 1766. Kaiser Franz I. bestätigte auch 1748, den 1. März, die Privilegien, desgleichen Josef II. den 22. September 1767.
Da der Kirchenbau seiner Vollendung entgegenging, beschloß man, die Abtweihe und die Einweihung der neuen Kirche miteinander zu verbinden. Man setzte darum die Abtweihe auf den 1. Mai 1735 an; der päpstliche Nuntius De Barni nahm sie unter Assistenz der Äbte von Muri und Pfäfers vor. Am 3. Mai sodann fand unter größter Feierlichkeit die Einweihung der neuen Kirche statt, die der Abt einleitete, der päpstliche Nuntius aber vollzog.
Der innere Ausbau der Kirche nahm aber noch Jahre in Anspruch, ebenso die Erstellung der Nebengebäude des Klosters. Dazu kamen noch viele auswärtige Bauten, so daß auch die lange Regierungszeit dieses Abtes mit solchen Arbeiten ausgefüllt war. In der Kirche wurden zunächst die Altäre durch die Gebrüder Carlone fertig erstellt. Die beiden großen Altäre neben der Gnadenkapelle, Rosenkranz- und Patroziniumsaltar, beschloß man, in Marmor aufzuführen, wozu man in der Hauptsache einheimischen Stein, der bei Trachslau gebrochen wurde, verwandte. Diego Carlone schuf 1738 die schönen Epitaphien beim Eingang in den Chor. In der Kirche wurden drei Orgeln aufgestellt, eine auf der Tribüne beim Rosenkranzaltar und zwei bei den eigens zu diesem Zwecke erstellten Lettnern über dem hl. Kreuz und Ölbergaltar. Da der unter Abt Augustin erbaute Chor nicht recht zur Kirche paßte, beschloß man, ihn umzubauen. Mit dieser Aufgabe wurde der Architekt und Maler Franz Kraus von Augsburg betraut, der 1746 den Umbau in Angriff nahm. Nur das Mauerwerk blieb stehen, der Chorabschluß wurde vorgerückt und dahinter die Sakristei mit dem darüber liegenden Psallierchor angelegt. Kraus schuf auch die Deckengemälde im untern Chor, während die Statuen der Apostel von dem süddeutschen Bildhauer Babel gefertigt wurden. Kraus konnte allerdings sein Werk nicht mehr ganz zu Ende führen; er erkrankte und starb den 30. Juni 1752. Für ihn vollendete die Gemälde ein gewisser Ruepp aus Augsburg. Den obern Chor, wohin man das von Abt Augustin für den untern Chor angeschaffte Chorgestühl versetzte, malten die Gebrüder Josef und Anton Torricelli von Lugano aus. Er konnte erstmals für die Mette am Hohen Donnerstag 1750 benützt werden. Ein Bossard aus Baar stellt daselbst 1751 eine Orgel auf. In den untern Chor sollte Domenico Pozzi aus Mailand einen Altar aus köstlichen Marmorsorten liefern. Dieser traf 1751 ein und konnte am 11. September des Jahres von Abt Nikolaus konsekriert werden.
Neben diesen Bauten ging der Ausbau der Ökonomiegebäude her. Noch Abt Thomas hatte 1734 mit dem Bau der Handwerkstätten begonnen und das Fundament zur Bäckerei gelegt. Abt Nikolaus vollendete sie im gleichen Jahre und ließ die Grundmauern zur Knechtenstube legen. 1735 folgte der Bau der Schlosserwerkstätten bis und mit der Käserei. Im Jahre 1738 wurden das Hühnerhaus und der Schweinestall erstellt, sowie die innern Werkstätten, die dem südlichen Konventflügel vorgelagert sind. Mit 1740 begann man den Bau der Hofmühle, für die man aber in der Folge zu wenig Wasser auftreiben konnte, weshalb der Abt 1751 die Klostermühle an der Alp unten baute. Noch folgten in den Jahren 1743 und 1744 die Fortführung des innern Werkstättenbaues mit den Remisen, dann hörte man hier für einige Zeit zu bauen auf, weil eben der Chorumbau in den Vordergrund trat. Erst 1764 schloß sich die Erstellung des schönen Marstalles an, dem 1767 der Ochsenstall und 1770 der noch fehlende Trakt bei den äußern Werkstätten angeschlossen wurden, so daß nun die Ökonomiegebäude und damit der ganze Klosterbau zum Abschluß kamen. Denn schon 1746 und wiederum 1757 und 1758 hatte man den noch fehlenden Teil des nordwestlichen Flügels erstellt. Der dem Turme zunächst liegende Teil, der sogen. Wechsel (Verkaufsladen des Stiftes) war der letzte Bau, den Johannes Rüeff, der durch 30 Jahren im Dienste des Stiftes gestanden, aufführte; er starb den 8. April 1750 in Lachen. Viel Kopfzerbrechen verursachte die Anlage des Klosterplatzes mit den Krambuden, bis man die heutige monumentale Lösung fand. Gleichzeitig mit dem Chorumbau wurden auch diese Bauten durchgeführt; Babel schuf die Statuen für die Bekrönung der Ballustraden. Der Fraubrunnen wurde 1753 in der heutigen Form neu aufgeführt. Im Innern des Stiftes ist vor allem der Umbau der Bibliothek zu erwähnen, wo der Abt durch die Patres Ägidius D'Ocourt und Plazidus Beuret den heutigen, gefälligen Raum erstellen ließ.
Das ganze gewaltige Werk, das die drei Fürstäbte Maurus, Thomas und Nikolaus aufgeführt, kam am 1. November 1755 in große Gefahr durch das furchtbare Erdbeben, das an diesem Tage, wie bekannt, Lissabon in Trümmer legte. Zum Glück war der Schrecken größer als der Schaden!
Schon diese Arbeiten hätten das Leben und die Regierung eines Abtes vollauf ausfüllen können. Aber Abt Nikolaus hat auch außerhalb des Stiftes noch eine ganz gewaltige Bautätigkeit entfaltet. Kaum eine Besitzung, auf der nicht unter ihm wichtige bauliche Veränderungen vorgenommen wurden.
In Einsiedeln selber baute er außerhalb des Klosters die schon erwähnte Mühle an der Alp, ferner das sogen. Kanzlerhaus (heute Einsiedlerhof), eine Sägemühle und eine neue Alpbrücke. Auf dem Etzel erstand das Gasthaus neben der Kapelle, ferner eine Sennhütte; ebenso eine im Sihltal. Die Etzelstraße wurde in den Jahren 1768 bis 1775 für den Wagenverkehr eingerichtet. In Pfäffikon wurde 1760 das heutige Schloß zunächst als Kornschütte gebaut, aber bald darauf zu einem Wohnhaus umgebaut. Auf der Leutschen entstand das dortige große Haus. Die Kirche auf der Ufnau, die seit 1712 immer noch verwahrlost dastand, wurde renoviert. Auf Feusisberg und in Männedorf erstanden neue Pfarrhäuser, ebenso eine neue Kaplanei in Maria Zell bei Sursee, in Zürich und Sursee neue Amtshäuser. In Ettiswil und Sarmenstorf, wo das Stift die Unterhaltungspflicht des Kirchenchores hatte, wurden diese neu erstellt. Das Schloß Gachnang wurde in der heutigen Form errichtet, auf Freudenfels erfuhr das dortige Schloß ebenfalls wichtige Umbauten. In Sonnenberg wurde der vielbewunderte Saal geschaffen. Eschenz erhielt ein neues Wirtshaus und eine neue Mühle, die beide Eigentum des Stiftes waren. In St. Gerold wurde 1748 an der Kirche die sogen. Einsiedler Kapelle errichtet, in der ein vielbesuchtes Abbild der Einsiedlischen Gnadenmutter stand. So hat Abt Nikolaus mehr als irgend einer seiner Vorgänger gebaut und noch heute grüßt da und dort das Wappen dieses wahrhaft fürstlichen Bauherrn.
Die Viertelsleute in Willerzell erstellten 1748 mit Hilfe des Abtes ein eigenes Kirchlein; dafür wurde die alte St. Wendelinskapelle im Birchli abgetragen. Den 17. Januar 1750 konnte der Abt den Neubau einweihen. Auch in Eschenz wurde 1738 eine neue Pfarrkirche erstellt, wozu der Abt das Seinige beisteuerte. Die durch ihn am 24. November vollzogene Konsekration dieser Kirche sollte den Streit mit Konstanz wieder neu aufleben lassen, denn am 5. Januar 1739 klagte Bischof Johann Franz von Konstanz in sehr scharfem Tone wegen dieser durch den Abt angeblich widerrechtlich vollzogenen Handlung. Der Abt berichtete umgehend, daß er nur sein gutes, durch päpstliche Bullen verbürgtes Recht ausgeübt habe, das bisanhin nicht angefochten worden sei. Dies wollte man aber in Konstanz nicht gelten lassen und obwohl der Nuntius am 21. Mai 1739 den Bischof mahnte, Einsiedeln in Ruhe zu lassen, rekurrierte man doch am 16. Juni nach Rom. Die Angelegenheit wurde an den Nuntius Durini gewiesen und dieser erklärte am 7. Juli 1740, daß Einsiedeln das Recht zustehe, die ihm inkorporierten Kirchen zu weihen. Um sicher zu gehen, sandte man im Januar 1742 P.Josef von Roll, der als Propst von Bellenz Papst Benedikt XIV., den frühern Bischof von Como, persönlich kennen gelernt hatte, nach Rom, um dort die Erneuerung der Privilegien zu erlangen. Man bedeutete ihm aber, es sei besser, bei den alten Bullen zu bleiben und die ganze Frage nicht neu aufzurollen.
Indessen dauerte es nicht lange, bis Konstanz einen neuen Anlaß zum Streite fand. Am 15. März 1745 verlangte man, daß die vom Abt gesetzten Beichtväter in den Frauenklöstern Fahr und Au vom Bischof approbiert werden müssen. Dagegen berief man sich in Einsiedeln auf die entgegenstehende alte Gewohnheit. Zugleich wandte man sich an den päpstlichen Nuntius, der Konstanz befahl, von seinem Vorhaben abzustehen oder dann innert 14 Tagen sich auszuweisen. Konstanz tat aber weder das eine noch das andere, sondern beharrte auf seiner Forderung. Da man in Einsiedeln befürchtete, daß auch dieser Handel nach Rom getragen würde, suchte man durch Altlandammann Hauser von Glarus, der damals in neapolitanischen Diensten stand, die Verwendung des Königs von Neapel in Rom nach. Hauser konnte am 13. August 1746 berichten, daß die Kongregation zwar gegen Einsiedeln entschieden hätte, daß aber der Papst, auf Verwenden des Königs, sich das Endurteil vorbehalten habe. Einsiedeln ließ auf dies hin Rom ersuchen, daß entweder der Abt als Apostolischer Delegierter die Approbation geben könne oder aber daß der Nuntius als zuständig erklärt würde. Auch der Stand Glarus verwandte sich in einer eigenen Bittschrift an den Papst für Einsiedeln. Da erhielt man von Rom aus den Wink, man möchte suchen, sich mit Konstanz zu verständigen. P. Josef von Roll wurde darum am 8. Januar 1747 nach Konstanz gesandt mit der Erklärung, daß man Konstanz das Recht zuerkennen wolle, jedoch um Delegation bitte auf eine Anzahl von Jahren. Auf dies hin erklärte Konstanz am 12. Mai 1747, daß es dem Abt auf 10 Jahre zustehen solle, die Beichtväter für Fahr und Au zu examinieren, woraufhin Konstanz dann gratis die Approbation geben werde.
Die Frage des Kirchweihprivilegiums und der Beichtväter war aber damit noch nicht restlos entschieden. Man gab sich offenbar in Konstanz mit dem Entscheid des Nuntius von 1740 und in Einsiedeln mit dem von 1747 nicht recht zufrieden. Da man aber von einer Regelung der Angelegenheit durch Rom nichts wissen wollte, so suchte man auf dem Wege einer gemeinsamen Verständigung ans Ziel zu kommen. Zu diesem Zwecke fand am 16. und 17. Mai 1752 auf Schloß Sonnenberg eine Konferenz statt, an der von Konstanz der Generalvikar und der bischöfliche Fiskal vertreten waren, während von Einsiedeln der Abt selbst mit drei Patres zugegen war. Konstanz bestritt dem Abt das Recht, Kirchen zu weihen, während der Abt bereit war, sich das Recht auf Einsiedeln, Freienbach, Feusisberg und Fahr einschränken zu lassen. Die vom Abt eingesetzten Benefiziaten sollten nicht zu einem Eide gegenüber dem Bischof verpflichtet sein. An den Orten, wo es bisher Geltung hatte, soll dem Kloster das Spolienrecht zustehen, nicht aber in Reichenburg. Beschwerden gegen die vom Stift angestellten Priester sollten nach Konstanz geleitet werden. Auch über das Vorgehen beim Tode solcher Benefiziaten konnte man sich einigen, ebenso über die Veröffentlichung bischöflicher Mandate. Nur in der Stiftskirche sollten sie im Namen des Abtes erfolgen. Ehehändel gehören vor das bischöfliche Gericht. Auch über die Berufung der Weltpriester zu den Kapiteln und über die Lehensverhältnisse in Gachnang verständigte man sich. Die Approbation für die Klosterfrauenbeichtiger sollte für immer gegeben werden. In den meisten Punkten konnte man sich so verständigen. Als aber der Abt das Vergleichsprojekt vor sein Kapitel brachte, stieß er auf heftigen Widerstand, der vor allem von P. Meinrad Brenzer ausging. So zerschlugen sich die weitern Verhandlungen und die Frage blieb ungelöst. Für die Klosterfrauenbeichtväter verlängerte Konstanz jeweilen auf zehn Jahre die Vollmachten.
Weit gefährlicher und schlimmer wurden die Rechtshändel, die sich 1764 mit den Untertanen in Einsiedeln ergaben. Diese selber stehen in engstem Zusammenhang mit dem sogen. Harten- und Lindenhandel in Schwyz (seit 1763). Diese Bewegung richtete sich vor allem gegen die franzosenfreundliche Partei der Reding, die man die Linden nannte, während die Gegner, unter Führung des Karl Dominik Pfyl, die Harten hießen. Es kam zum Sturz der Linden und zu einem häßlichen Willkürregiment der Harten. Dies rief aber allmählich einem Umschwung, Pfyl wurde gestürzt und die Reding kamen wieder zu Macht und Ansehen. Auch die Beziehungen zu Frankreich, die man abgebrochen, wurden später wieder aufgenommen.
Der Führer der Harten, Pfyl, war kein Freund des Klosters und an ihn wandten sich darum (7. Mai 1764) einzelne Unzufriedene in Einsiedeln wegen einer Verordnung des Abtes, der verbot, daß einer nicht gleichzeitig zwei Hauptgewerbe (Wirten, Metzgen, Krämern) treiben dürfe. Die Landsgemeinde in Schwyz schützte sie. Dadurch aufgemuntert kamen sie an einer Gemeinde in Einsiedeln, den 13. Mai 1764, mit neuen Forderungen. Führer der Unzufriedenen war zunächst Erasmus Curiger. Es kam zu Tumulten und zu Ansammlungen der Unzufriedenen. Schwyz beschloß, die Sache zu untersuchen und ernannte eine eigene Kommission. Diese kam mit dem Kloster überein und alles schien erledigt zu sein. Aber da beschloß eine Gemeinde in Einsiedeln, der Vertrag solle vor die Landsgemeinde gebracht und von dieser anerkannt werden. Damit war der Landrat nicht einverstanden, der vermeinte, er und nicht die Landsgemeinde sei die zuständige Behörde in Streitigkeiten zwischen Stift und Waldleuten. Die Gemeinde gab bei, die Führer der Bewegung aber wurden gestraft, Curiger sogar auf 10 Jahre aus der Eidgenossenschaft verbannt.
Im Geheimen waren manche mit diesen Vorgängen nicht einverstanden und suchten unter der Hand die alten Urkunden und Rechte zu prüfen und stellten eine Reihe von Klagepunkten auf. Das Stift davon unterrichtet, machte nach Schwyz Mitteilung, wo manche dieser Forderungen großes Aufsehen machten, da sie ebensosehr gegen die Hoheitsrechte von Schwyz als gegen die des Klosters verstießen. Eine Landsgemeinde beschloß darum am 25. November, die Sache untersuchen zu lassen. Nun hieß es aber, die Mitteilungen von Seite des Stiftes seien erfunden, ja stammten nicht einmal von diesem her, sondern von Statthalter Aufdermaur, der sie eröffnet hatte. Eine Landsgemeinde vom 16. Dezember beschloß, den Untersuch aufzuheben. Damit war die Partei Aufdermaurs, die Pfyl feindlich gesinnt war, nicht einverstanden und so kam die Sache nicht zur Ruhe. Eine außerordentliche Landsgemeinde vom 28. Dezember erkannte, daß der Bericht des Klosters, weil ohne Siegel und Unterschrift (er war eben einem Briefe beigelegt worden), als «faul und falsch» erkannt sein solle. Die politischen Leidenschaften erreichten unterdessen im Harten und Lindenhandel ihren Höhepunkt. Statthalter Aufdermaur und der Stiftskanzler Weber wurden gefangen gesetzt und verurteilt. Dann ging es gegen die mißliebigen Beamten in Einsiedeln selber, die zum Stifte hielten. Auch sie wurden abgesetzt. Überdies wurden über eine große Zahl Einsiedler entehrende Strafen verhängt. Dafür kamen die Gegner in Amt und Würden. Da erfolgte am 16. Mai 1765 der Sturz Pfyls. Sogleich änderte sich das Verhalten gegen Einsiedeln. Die Schreiben des Abtes und der Nuntiatur, die man bishin ungeöffnet gelassen, wurden verlesen und beantwortet; die Vertreter des Stiftes, die man früher nicht zugelassen, konnten nun am 20. Mai vor dem Rate erscheinen (es waren der spätere Abt Marian Müller und P. Anton Huber, Statthalter in Freudenfels). Man beschloß, das Gotteshaus bei seinen Rechten zu schützen. Pfyl sollte in Einsiedeln seine Behauptungen über die übersandten Punkte erhärten. Dazu war er nicht im Stande; er mußte vor dem Abt die Echtheit anerkennen. So mußte er vor einer Landsgemeinde am 26. Mai Widerruf leisten. Das vollendete seinen Sturz; er wurde aller Ämter entsetzt und zog es vor, einem weitern Prozeß durch Flucht zu entgehen. Die Landsgemeinde verordnete, daß durch den Landrat ein neuer Untersuch über die Vorgänge in Einsiedeln angestellt würde. Dieser richtete sich gegen diejenigen, die jene 18 Punkte aufgestellt hatten. Am 3. und 7. August wurden die Beteiligten mit Geld- und Ehrenbußen bedacht. Damit war die Angelegenheit nach dieser Seite hin beendigt. Abt Nikolaus verlangte aber auch eine Satisfaktion für die s. Z. gestraften Verteidiger des Stiftes (Aufdermaur, Weber u. a.). Diesem Ansinnen wurde nur teilweise entsprochen.
Mehr Unzufriedenheit rief der Beschluß, daß die erlaufenen Kosten durch eine Viehauflage in Einsiedeln bezahlt werden sollten. Die Unruhe wurde von einzelnen Männern noch geschürt. Schwyz verfügte nun deren Verhaftung, was zu Aufläufen Anlaß gab, sodaß Schwyz sich in seiner Ehre aufs schwerste verletzt sah. Man beschloß, die Unruhen, wenn nötig, mit Waffengewalt niederzuwerfen. Einige Unruhestifter konnten fliehen, andere aber wurden gefänglich eingezogen und ihnen der Prozeß gemacht. Am 15. Dezember 1766 wurden Rupert Kälin in der Wäni und Johann Nikodem Kälin hingerichtet; am Tage darauf noch Nikolaus Benedikt Kälin. Johann Georg Lienert, der geflohen war, wurde auf ewige Zeiten aus der Eidgenossenschaft verbannt, andere wurden zum Pranger und andern Strafen verurteilt. Eine eigene Schandsäule sollte errichtet werden und zum abschreckenden Beispiel das Andenken an diese tief beklagenswerten Vorgänge festhalten. Von den auswärtigen Anstiftern wurden 1767 zwei und 1769 noch einer ebenfalls hingerichtet.
Die Untersuchung über die Rechte des Gotteshauses gegenüber der Waldstatt und Schwyz wurde weiter geführt und eine Landsgemeinde vom 26. April 1767 anerkannte die vom Stifte vorgelegten Beweise und Urkunden und bestimmte aufs neue, daß der gesessene Landrat der zuständige Richter bei Streitigkeiten des Stiftes mit den Waldleuten sei. Am 26. Mai 1767 mußten die Vorsteher der Waldstatt auf Befehl von Schwyz dem Fürstabt gegenüber Abbitte für alles Vorgefallene leisten. Damit war dieser Handel erledigt, von dem Dr. D. Schilter in seiner «Geschichte der Linden und Harten in Schwyz»1011 sagt: «Die Rechte des Klosters waren ebenso unbestreitbar, als diejenigen des Landes Schwyz, und so war es eine nur auf Unkenntnis beruhende Tollkühnheit von Seite der meisten Harten in Einsiedeln, die trügerische Hilfe der ebenso irre geleiteten Landesgemeinde in Schwyz anzusprechen, denn auch diese letztere mußte früher oder später ihren Irrthum einsehen.»
Mit der offiziellen Erledigung des Handels waren freilich noch lange nicht die Folgen desselben, vorab eine Erbitterung weiter Kreise, aus der Welt geschafft. Das Hungerjahr 1770/71 gab indessen Abt Nikolaus reichlich Gelegenheit, nach allen Seiten hin Gutes zu tun, sodaß manche Wunde vernarbte. Schon 1747 hatte übrigens das Stift mit dem Torf stechen angefangen und damit auch den Waldleuten eine neue Verdienstmöglichkeit erschlossen. Mit der Stadt Zürich wurde 1751 der sogen. Turbenkontrakt über die Lieferung von Torf abgeschlossen. Um 1755 begann man auch mit dem Anbau der Kartoffeln, die bald für die Bewohner des Hochtales eines der wichtigsten Nahrungsmittel werden sollten.
Da sich gerade im Verlauf des Einsiedler Handels gezeigt hatte, daß im Volke vielfach große religiöse Unwissenheit herrsche, so beschloß der Abt, dem katechetischen Unterricht, vorab auf den Vierteln, vermehrte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Bisher wurde dort kein regelmäßiger Gottesdienst gehalten. Die Leute mußten alle dem Gottesdienst in der Klosterkirche beiwohnen. Für die Kinder wurde im Beinhaus resp. auf dem Rathaus am Sonntag Katechese gehalten. Nun verordnete der Abt, daß vom Anfang Advent bis Anfang Fastenzeit jeden Sonntag ein Pater nach Euthal, Willerzell, Groß und Egg gehen sollte, um dort Gottesdienst und Katechese zu halten. Doch mußten die Viertelsleute jedes Jahr bittlich darum anhalten, damit dem Kloster aus dieser Gnade keine Servitut erwachse.
Auch in Einsiedeln selber suchte der Abt das religiöse Leben zu heben und zu fördern. Durch P. Meinrad Brenzer wurden 1736 zwei neue Bruderschaften eingeführt, eine zu Ehren der hl. Dreifaltigkeit, die andere von der Todesangst Christi. Die Wallfahrt erfreute sich fortwährend großer Beliebtheit. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kamen ungefähr 125 Pfarreien jährlich mit «Kreuz» nach Einsiedeln. Mit großer Feierlichkeit wurde 1748 die Jahrhundertfeier der Engelweihe begangen. Eigene Medaillen, vom berühmten Medailler J. C. Hedlingen aus Schwyz gefertigt, sowie Kupferstiche hielten das Andenken an diesen Tag fest. Unter den Wallfahrern, die zum Heiligtum kamen, verdient das Andenken an den heiligmäßigen Peter Josef Formet von Ventron, Diözese St. Die, festgehalten zu werden, der von 1751-84 fast jedes Jahr nach Einsiedeln pilgerte. Dem österreichischen Kaiserhaus wurde 1735 die Communicatio bonorum operum verliehen. Man konnte darum auch der Kaiserin Maria Theresia 1757 das Gesuch um ein Anleihen von 100,000 fl. nicht abschlagen.
Der Abt hatte nicht nur für die Bibliothek eine prächtige Heimstätte geschaffen, sondern sorgte auch sehr für deren Ausstattung. Sein Ex libris zeugt heute noch in einer Reihe von Werken vom großen Verständnis, mit dem er die Wissenschaften förderte. Auf die Engelweihe 1747 kam der berühmte Benediktiner Kardinal Quirini nach Einsiedeln, der 5 Tage hier weilte, seit 100 und mehr Jahren der erste Kardinal, der nach Einsiedeln kam; ihm folgte 1755 Kardinal Pozzobonelli, Erzbischof von Mailand, der ebenfalls auf die Engelweihe erschien. Die Handschriften wurden den 1. Juli 1748 durch den berühmten Abt Calmet eingesehen, der eine Zierde des Ordens bildete. Nicht weniger berühmt wurde später Martin Gerbert, der große Abt von St. Blasien, der vom 13. bis 17. Juni 1760 studienhalber in Einsiedeln weilte. Das Archiv ließ Abt Nikolaus um 1770 neu ordnen. Der damalige Archivschreiber Wolfgang Dietele aus Frauenfeld legte die großen Summarien an, die heute noch vollauf ihrem Zweck dienen und die Benutzung des Archivs ungemein erleichtern.
Der Konvent, dessen Mitgliederzahl im Steigen begriffen war (1746 zählte man 55 Patres, 3 Kleriker, 7 Novizen und 17 Laienbrüder, also 82 Mitglieder) sah nach wie vor seine Hauptaufgabe in der Besorgung des Chores und der Wallfahrt. Ausnahmsweise finden wir ein Mitglied desselben, P. Bonifaz d'Anethan, längere Zeit am Hofe des Markgrafen von Baden-Baden (1751-52 und 1762 bis 1765), wo er geheimer Rat des Markgrafen August Georg war und mit der Abfassung einer Geschichte des markgräflichen Hauses betraut wurde. Von 1765 bis 1768 weilte er als Hofkaplan bei der Prinzessin Elisabeth von Baden-Baden. Das Haus Baden hatte sich durch seine große Gewogenheit gegenüber Einsiedeln diese Gunst verdient.
Im Kloster Fahr, wo wir 1746 22 Frauen und 5 Laienschwestern finden, ließ Abt Nikolaus von 1743 bis 1746 die neue Kirche bauen, die vor allem durch ihre originelle Ausmalung durch die Gebrüder Torricelli, die ja auch in Einsiedeln tätig waren, bekannt geworden ist.
Nicht zuletzt galt die Sorgfalt des Abtes der Residenz und dem Gymnasium in Bellenz. Dort hatten sich zu Anfang seiner Regierung nicht geringe Schwierigkeiten ergeben. Der Streit wegen einem Fischereirecht und einem Hausverkauf hatten die Gemüter der Stadt 1736 und 1737 in Aufregung versetzt. Man wollte nun den Benediktinern und auch den drei Orten, die zu ihnen standen, dadurch entgegentreten, daß man erneut versuchte, die Jesuiten nach Bellenz zu berufen. Man hoffte eben, daß italienische Ordensleute eher zu Willen sein würden. Da die Abgeordneten der Stadt heimlich zu Werke gingen und vorgaben, es sei gar nichts zu Ungunsten der Residenz geplant, die weiter die höhern Studien vermitteln solle, gelang es zunächst, den Nuntius und die Orte für das Vorhaben günstig zu stimmen, so daß man auch in Einsiedeln auf das Projekt einging, wonach die Jesuiten die niedern Studien, Einsiedeln aber die höhern besorgen sollte. Es stellte sich aber bald heraus, daß die Abgeordneten der Stadt ihre Vollmachten überschritten hatten und man gar nicht in der Lage war, die in Aussicht gestellten Fundationen zu machen. Die ganze Angelegenheit zerschlug sich; doch währte es bis 1742 bis alles wieder in Ordnung gebracht war. Abt Nikolaus besuchte persönlich im Oktober 1754 die Residenz, wobei ihm der Rat und die Bürgerschaft von Bellenz große Aufmerksamkeit erwiesen. Von Bellenz ging er weiter nach Mailand, wo er sechs Tage weilte, um dann über Como, Chiavenna, Chur und Pfäfers wieder nach Einsiedeln zurückzukehren. Die Patres in Bellenz hätten sehr gerne die Residenz baulich erweitert und restauriert, aber Abt Nikolaus wollte davon nichts wissen. Offenbar hielt er Bellenz für einen zu exponierten und unsichern Posten. Für die Förderung der Schule bemühte er sich indessen nach Kräften. Er hatte schon von Anfang an die Patres immer wieder ermahnt, ihrer Aufgabe nach besten Kräften nachzukommen und die von seinen Vorgängern gegebenen Vorschriften treu zu beachten. Er ließ 1768 sodann die bis dahin bestehenden Statuten, die Abt Augustin gegeben hatte, revidieren und den veränderten Zeitverhältnissen anpassen. Besonders galt dies auch für die Regelung des Unterrichtes. Als Prämien für die Schüler wurden eigene Medaillen geprägt.
Fast 40 Jahre war es Abt Nikolaus vergönnt, an der Spitze des Stiftes zu stehen, das sich unter seiner zielbewußten, energischen Leitung nach innen und außen in sehr gutem Zustande befand. Über die gewaltige Arbeit dieses Mannes muß man sich umso mehr wundern, wenn man bedenkt, daß er dabei seit Jahren kränkelte. Ein Steinleiden setzte ihm sehr zu. Man berief deshalb 1759 Dr. Wolff aus Baden, der wohl die verschiedensten Mittel probierte, aber ohne Erfolg1012. Der Zustand besserte sich indessen wieder etwas. 1762 konnte der Abt - zum ersten Male seit seiner Wahl - seine Heimat besuchen; die Reise galt vielmehr aber dem sel. Bruder Klaus, dessen Grabkirche der Abt eine Monstranz im Werte von 600 fl. verehrte. Im Herbst und besonders im Dezember 1765 plagte ihn sein Leiden wieder so sehr, daß er bereits «verschätzt» war und man die Totenkleider rüstete. Dr. Hotz aus Richterswil hatte schon die Erlaubnis, den Leichnam zu sezieren. Nochmals erholte sich der Abt, blieb aber immer mehr leidend, bis er am 1. August 1773 im Alter von 80 Jahren von seinen Leiden erlöst wurde. Sein Porträt hat der berühmte Maler Melchior Wyrsch geschaffen (heute im Audienzzimmer der Abtei; andere Bilder finden sich im Kapitelsaal, in Sonnenberg und St. Gerold).
Die Chronik von 1783 sagt von ihm (S. 174): «Nikolaus wurde nicht nur durch seine hohe Würde, sondern noch weit mehr durch seine großen Gaben und durch seine gründliche Frömmigkeit die Zierde Einsiedelns und die Ehre seines Vaterlandes. Kluge Entschlossenheit in zweifelhaften Fällen, tiefe Einsicht in verwirrte Geschäfte, reife Überlegung in seinen Ratschlägen, standhafte Gelassenheit in Widerwärtigkeiten und edle Großmut in allen seinen Unternehmungen: dieses waren die Eigenschaften, die man immer an ihm wahrnahm. Mitten unter den großen und gefährlichen Verdrüßlichkeiten, die er aushalten mußte, war er immer unerschrocken; das Zutrauen, das er immer auf Gott setzte, diente ihm allenthalben, sozusagen zu einer sichern Schutzwehr; und er brachte es durch seine gelassene Klugheit dahin, daß endlich alles einen erwünschten Ausgang gewann. Wenn es darauf ankam, den allgemeinen Nutzen zu befördern, so wußte er allemal die tauglichsten Mittel zu ergreifen; und die schönen Einrichtungen, die klugen Anordnungen, die er machte, sind uns noch jetzt in diesem Stücke die deutlichsten Beweise.
Die sinnreiche Liebe, die er gegen seine Mitbrüder trug, lehrte ihn das Geheimnis, denselben verschiedene Vortheile zu verschaffen; ohne doch der Strenge der heiligen Regel etwas zu benehmen oder die klösterliche Zucht dadurch zu schwächen. Und in der That, die Linderungen, die er seinen Untergebenen gestattete, waren nichts anderes als Hilfsmittel und Antriebe, die ordentlichen Pflichten genauer zu beobachten.
Alles, die klösterliche Zucht, und selbst das zeitliche Vermögen des Gotteshauses hielt durch ihn einen neuen Zuwachs. Er war zwar nach dem unvollkommenen Geschmack der vorigen Zeiten erzogen worden: allein, er hatte von Natur die Gabe, das wahre Schöne zu erkennen und zu lieben. Er wendete also alles an, ein neues Licht über die Wissenschaften zu verbreiten; er schaffte die besten Bücher an, er suchte seine Ordensleute dadurch aufzumuntern, sich mit nützlichen Kenntnissen zu beschäftigen, daß er ihnen sein größtes Wohlgefallen darob deutlich zu erkennen gab. Was aber die Vollkommenheit des klösterlichen Lebens anbetraf, so sorgte er mit aller Aufmerksamkeit dafür, daß man den alten Geist des Ordens beybehalten mögete, und er wendete alles an, den neuen Geschmack in den Wissenschaften mit der alten und gründlichen Denkungsart der frommen Väter glücklich zu vereinigen.
Unter seinen Tugenden leuchteten sonderbar seine Geduld in den Widerwärtigkeiten; seine Ergebung in den göttlichen Willen; seine Liebe, mit welcher er seinen Feinden und Beleidigern williglich vexgab; seine wohlthätige Sorgfalt, mit welcher er den Armen und Nothleidenden immer beysprang; seine klösterliche Sittsamkeit und die Regelmäßigkeit in seinem ganzen Betragen hervor.»

Letzte Aktualisierung: 22.01.2013 – Impressum
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