Professbuch: Äbte

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36. Joachim Eichhorn von Wil
Joachim Eichhorn von Wil (1544-69). Nach dem Tode des Abtes Ludwig wählten die vier vorhandenen Kapitularen Joachim Eichhorn zu ihrem Vorsteher, der als zweiter unter Abt Ludwig 1536 in das Stift eingetreten war. Er zählte damals freilich erst 26 Jahre, da er 1518 geboren war. Sein Vater war Heinrich Eichhorn von Anlikon, Bürger von Wil. Über seine Eltern und seine Herkunft berichtet uns Wittwiler886 : «Ist zu Weyl im Turgöw von Frommen, Ehrlichen Vatter und Mutter gebohren, und ob er gleich nit von geblüt und der Welt nach von Adelichen Stammen herkommen, so hat er doch dermassen von Jugend auff ordenlich und Tugendreich gelebt, das er mehr dann Adelsgenoss gewesen, und mit allen vorfahrenden Prälaten, sie seyn gleich von Fürsten und Herren, Grafen und Freyen gebohren, seiner grossen Tugend und herrlichen Regierung halben wol mag vergliechen werden, wann jeh wahr ist (das dann niemand kan verläugnen) wie die alten Gelehrten geschriben:
Non census, nec clarum noraen Avorum, Sed magnum probitas ingeniumque facit.
Für die religiöse Gesinnung, die im Elternhaus geherrscht haben muß, zeugt der Umstand, daß zwei seiner Brüder Priester wurden. Der eine, Peter, trat in das Stift St. Gallen ein, wo er Statthalter und Dekan wurde. Im Jahre 1550 beriefen ihn die katholischen Orte als Abt nach Wettingen, wo er bis zum 15. Juni 1563 gut regierte. Er wurde seinem Wunsche gemäß in Einsiedeln begraben887. Einen andern Bruder, Heinrich, empfahl unser Abt den 24. Mai 1561 dem Bischof von Konstanz zur Priesterweihe.
Über die Tätigkeit Joachims vor seiner Wahl erfahren wir nichts näheres. Vermutlich war er einer der beiden Mönche, die Abt Ludwig nach Ochsenhausen resp. Hirsau sandte, deren Namen uns Wittwiler leider nicht angibt. Die Priesterweihe empfing er den 11. Juni 1541. Schon drei Jahre später, den 28. März 1544, erfolgte seine Wahl zum Abte. Paul III. bestätigte die Wahl den 23. November dieses Jahres888; die katholischen Orte hatten unterm 28. Oktober Rom gebeten, die Bestätigung kostenlos vorzunehmen889. Paul IV. bestätigte am 10. Juli 1556 die Privilegien des Stiftes890, desgleichen Pius IV. den 9. Februar 1562891; doch zog sich die Ausfertigung der Bulle wegen dem Konzil von Trient bis im Juli 1565 in die Länge. Auch von den Kaisern erlangte Joachim die Bestätigung der alten Freiheiten und die Verleihung der Regalien, so von Karl V. den 5. Juli 1546892, von Ferdinand I. den 3. Oktober 1558893 und von Maximilian II. den S.April 1566894. In den Jahren 1552 und 1558 wurde der Abt auch auf die Reichstage in Ulm geladen895. Dem kaiserlichen Rat, Abt Gcrwig Blarer zu Weingarten, leistete der Abt den 28. November 1560 den Lehenseid wegen Blutbann und Halsgericht des Gotteshauses896. Mit Zürich erneuerte Abt Joachim den 11. Mai 1545 das Burgrecht897.
Wichtiger als diese lediglich offiziellen Beziehungen waren jene zu den Schirmherren in Schwyz, die sich als die Oberherren des Stiftes betrachteten. Sie übergaben dem Abte, nachdem ihm die Waldleute den 14. April 1544 gehuldigt, am 16. April das Inventar und die Verwaltung der Abtei898. Den Herren von Schwyz mußte der Abt jährlich Rechnung ablegen; das erste Mal geschah es den 30. Mai 1545. Die Amtsführung des Abtes fand bereits hier die gebührende Anerkennung. Schon zwei Jahre später, den 23. Dezember 1547 wies der Abt aber die Abgeordneten von Schwyz zurück. Er wollte sich von dieser Bevormundung frei machen. Daher versprach er auch den Schwyzern 1549, ihnen an die alte, 1589 Gulden betragende Schuld, jährlich 50 Gulden abzahlen zu wollen. Schon um diese Zeit war das Stift beinahe schuldenfrei.
Abt Joachim nahm die Neuordnung der Verhältnisse überhaupt glücklich in die Hand. Eine Reihe von Urbarien und Verzeichnissen wurden erneuert, so 1550 das Urbar für Fahr und Eschenz, 1553 das für Einsiedeln, 1557 das des Spitals zu Einsiedeln, 1558 das für Dagmersellen, 1560 das der Kirche Ufnau, 1563 das des Hofes Rankweil, 1565 das für Männedorf899. Besonders bemerkenswert ist, daß diese Urbarien kalligraphisch schön geschrieben und mit prächtigen Wappenbildern geschmückt wurden. Über die Heiligtümer der Stiftskirche wurde 1550 ein Inventar aufgenommen. Mit den Pfarrgenossen von Einsiedeln erneuerte der Abt 1553 den Vertrag über die Pfarrzehnten900. Wegen dem Gästlingsberg setzte es 1560 Streitigkeiten ab901; ebenso wegen dem Ehrschatz 1566902. In Einsiedeln erwarb der Abt eine Reihe von Gütern, so die Kühlmatte 1562 um 400 Pfund Geld, 1563 eine Weid im Sihltal um 80 Pfund, 1565 die Furrenmatte um 500 Gulden, ein Rind und drei Saum Wein903. Ebenso kaufte er Güter in Pfäffikon und auf der Ufnau, wo der größere Teil der Insel in Privatbesitz übergegangen war, zurück904.
Auch auf den Stiftsbesitzungen suchte er wieder Ordnung herzustellen. In Fahr gewann er eine Reihe von Gütern, die durch den Austritt der Frauen dem Kloster entfremdet worden waren, zurück. Die Klosterkirche rekonziliierte er samt dem Friedhof den 8. November 1549, ebenso die St. Annakapelle den 3. Februar 1553, in der er auch einen Altar weihte. Das Kloster baute er ganz neu auf, doch kam er nicht mehr dazu, dort wieder Frauen einzuführen. Im Jahre 1555 wurde auch das Benediktinerinnenkloster Münsterlingen im Thurgau dem Abte unterstellt905. In Pfäffikon bereinigte er 1549 mit Zürich die Märchen des Frauenwinkels. Er erwarb dort 1552 die sogen. Obermühle906 und kaufte für den Hof Leutschen 1561, zu dem er weitere Rebberge erwarb, das Dorfrecht zu Freienbach907. Auch hier setzte es 1564 einen Streit mit den Hofleuten ab wegen dem Ehrschatz908. Im Jahre drauf hatte er die Fischereirechte im Frauenwinkel gegen Übergriffe zu verteidigen909. Die Pfarrkirche in Freienbach wurde 1545 neu gebaut; Abt Joachim gab daran einen freiwilligen Beitrag von 20 Gulden. Die Schloßkapelle in Pfäffikon weihte den 3. Dezember 1551 der Weihbischof Balthasar von Konstanz neu ein910. Auf dem Hurdenerfeld wurden 1564 die drei Kreuze gestiftet, die heute noch dort stehen911. In Eschenz, wo ein Teil des Dorfes zur neuen Lehre übergegangen war, weigerten sich die Untertanen, Zehnten und Zins zu entrichten. Der Abt mußte gegen sie sogar die Hilfe der Tagsatzung in Anspruch nehmen, um seine Rechte zu schützen912. Auch im Vorarlberg wahrte der Abt seine Rechte. Mit dem Grafen von Hohenems traf er 1557 einen Vergleich über die alternierende Besitzung der Pfarrei Schnitts913. Mit dem Grafen von Sulz kam 1560 ein Vertrag wegen Jagd, Malefiz und Frevel im Gebiete der Herrschaft St.Gerold zustande914.
Sowohl in Einsiedeln als anderwärts war Abt Joachim als Bauherr tätig. So wölbte er in Einsiedeln das untere Münster über der Gnadenkapelle, das seit dem Brande 1509 immer noch nicht vollendet war. Er baute das Helmhaus (Vorzeichen der Kirche) und zwei Teile des Kreuzganges. In der Abtei errichtete er eine «herrliche newe Prälaten stuben», ließ auch «den Saal vertäfferen vnd aller Prälaten Schilt mahlen, sambt der Ambtleuthen Wappen». Die St. Michaelskapelle ließ er wölben und verschönte sie mit einer «schönen geschnitzleten Taffel». Für die Kirche schaffte er einen grünen Ornat an. Durch Junker Balthasar Mygel von alten Mygelburg, Bürger in Basel, ließ er eine neue 18 registrige Orgel für das obere Münster erstellen. In Pfäffikon wurde aus einem frühern Weinkeller die neue Schloßkapelle erstellt; ebenso ließ er den Keller vergrößern und darauf zwei Kornschütten errichten. Auch sonst wurden dort mehrere Innenräume neu erstellt. Der Pfarrhof von Freienbach, der heute noch steht, wurde von Grund auf neu errichtet, ebenso die untere Schloßmühle, die erst 1924 zur landwirtschaftlichen Schule umgebaut wurde. In Stäfa wurde ein neuer Pfarrhof gebaut und zu Meilen das Haus neben der Trotte915.
Da aus Mangel an Personal die Verwaltung überall in den Händen von Weltlichen lag, suchte er diesem Übelstand abzuhelfen. Er setzte sowohl in Fahr als St. Gerold einen Propst aus seinen Konventualen, als auch in Pfäffikon einen Statthalter. Mit den Amtleuten hielt er genaue Rechnung ab, so daß der Wohlstand des Stiftes sich rasch zu heben begann916.
Aber auch für die Hebung und Neubelebung der Wallfahrt war der Abt sehr tätig. Schon 1544 und wiederum 1550 erließ er eine neue Engelweihordnung. Im Jahre 1547 stiftete Johannes von Lenzingen, Abt des ehemaligen Cisterzienser Klosters Maulbronn im Württembergischen, der sich als Flüchtling in Einsiedeln aufhielt, das tägliche Salve in der Gnadenkapelle917. Zwei Jahre früher hatte der Schwyzer Landammann Josef Amberg eine große Jahrzeit in der Kirche in Oberiberg gestiftet, die vom Stifte aus gehalten werden mußte918. Johann von Fürstenberg-Heiligenberg stiftete mit seiner Gemahlin Anna von Zimmern 1569 im untern Münster den sogen. Fürstenbergischen Altar um 500 Taler; das Stift verpflichtete sich dagegen jährlich 60 hl. Messen zu lesen919. Im Jahre 1558 führte Obwalden seinen jährlichen Kreuzgang ein, der heute noch gehalten wird. Mit den Leuten im Wäggital schlössen der Abt und die Waldleute 1569 einen Vertrag wegen dem Unterhalt des Pilgerweges, der von dort nach Einsiedeln führte920. Schon 1559 hören wir auch von geistlichen Spielen, die damals aufgeführt wurden.
In ganz besonderer Weise lag dem Abt die Förderung der klösterlichen Disziplin am Herzen. Er nahm insgesamt 21 neue Mitglieder in den Klosterverband auf. Einige davon sandte er nach Dillingen und Freiburg i. Br. zu den höhern Studien. Vier von ihnen sollten mit der äbtlichen Inful geschmückt werden, zwei in Einsiedeln, einer in Engelberg und einer in Pfäfers. Die Stiftspfarreien Ägeri, Eschenz, Freienbach, Feusisberg und Sarmenstorf besetzte er mit eigenen Leuten; ebenso die Verwaltungsposten in Fahr, Pfäffikon und St. Gerold921.
Wie groß das Ansehen war, dessen sich der Abt überall erfreute, offenbart sich am deutlichsten darinn, daß ihn die am 25. Januar 1562 in Rapperswil versammelten Prälaten und Vertreter der schweizerischen Geistlichkeit zu ihrem Vertreter auf dem Konzil von Trient bestimmten. Am 4. März des Jahres machte sich Abt Joachim mit dem Vertreter der katholischen Orte, Ritter Melchior Lussi und einigen Begleitern über den Gotthard nach Trient auf. Dort wurden sie am 16. März in feierlicher Weise in die Kirchenversammlung eingeführt; Abt Joachim erhielt seinen Sitz unmittelbar nach den Bischöfen. Bis zum 16. August nahm er lebhaften Anteil an den Verhandlungen, dann aber zwang ihn Krankheit, sich nach St. Gerold zu begeben. Auch von da stand er in lebhaftem brieflichem Verkehr mit Trient. Als er sich neuerdings dorthin begeben wollte, kam die Kunde von dem erfolgten Konzilsschluß922. Die katholischen Orte dachten auch daran, da sie durch die Glaubensspaltung von ihrem . Bischof in Konstanz wie getrennt waren, Abt Joachim die Bischofswürde zu verschaffen. Doch zerschlugen sich diese Pläne. Konstanz suche trotz all den großen Übelständen seine Rechte und Stellung eifersüchtig zu wahren. Das zeigte sich auch anläßlich der Diözesansynode von 1567. Pius V. forderte die Äbte von St. Gallen und Einsiedeln unterm 5. April 1567 eigens auf, die Synode zu besuchen923. Doch die Äbte fürchteten, daß Konstanz in ihre Rechte eingreifen könnten, und erst nachdem Konstanz den 2. Juli versprochen hatte, ihre Freiheiten zu wahren, sagten sie den Besuch zu. So erschien denn auch Abt Joachim im September auf der Synode.
Die gewaltigen Arbeiten hatten die Kraft des Abtes vor der Zeit aufgezehrt. Erst fünfzig Jahre alt starb er nach 25jähriger segensreicher Regierung den 13. Juni 1569. Mit Recht sagt Wittwiler von ihm: «Darumb dann diser Herr wol und billich der Ander Stiffter des Gottshaus Einsidlen mag geheissen und genambset werden, dieweil Er nit allein den löblichen Gottsdienst und Regularische Disciplin, sonder auch alle Stifftungen, so vill Jahr erlegen, und durch liederlichkeit zu grund gangen, widrumb durch Göttliche Hilff restaurirt und zuwegen gebracht hat. Darumb sein gedächtnus in ewigkeit währen wird»924.
Folgende Verse widmete ihm die dankbare Nachwelt:
Edite stirpe pia, raris virtutibus ingens,
Divini generis jus, Joachime, tibi. Concilium Tridentinum tibi maxima laus est.
Divinum Christi numen et illud habet. Te collit Helvetiae clerus, te patria tota,
Tibi Papa pium, noverat ipse Pius. Te Caesar iuvit, steteratque Ecclesia pro te,
Laus tua cum gestis posteritate manet. Te, tua suscipiunt omnes, quid debet Eremus?
Quaestio non frustra, laus tibi nulla satis. Te fundatorem fas est dixisse secundum,
Te Joachim noscit Virgo Maria Patrem.

Letzte Aktualisierung: 22.01.2013 – Impressum
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